Wir brauchen Untertitel

Und wieder mal eine Kolumne von mir aus DGZ. Eine tolle Zeitschrift übrigens!
Die Kolumne zwar nicht ganz aktuell – dieser Kampf um UT. Aber ein Rückblick kann nie schaden …

Typic

Es ist schon ein paar Jahre her – unser Kampf für Untertitel im Fernsehen. Mit Formular und Stift gewappnet gingen wir auf die Jagd nach Unterschriften. Manche Passanten waren enthusiastisch, manche eher verwirrt, was nur von Vorteil war. Vor allem japanische Touristen am Ku’damm hielten uns mit fuchtelnden Händen für hiesige Sehenswürdigkeiten und zeichneten gern ihre Logogramme für den guten Zweck ein. Doch ein Passant verweigerte mir die Unterschrift: „Bildung ist auch das Nichtwissen von manchen Sachen.“ Er verwies auf Heidi Klums Sendung. Ich regte mich damals furchtbar auf. Denn ich will selbst entscheiden, was für mich Wissen ist und was nicht. Unsere Diskussion dauerte eine gute Stunde. Wenn ich daran denke, wie viele Unterschriften ich hätte bekommen können. Verlorene Zeit.

Wenn ich mal im Fernseher umschaltete und Heidi Klum bei ProSieben sah, dachte ich immer an diesen Mann. Sie redet blöd? Kann doch nicht sein. Es muss hier um große Dinge gehen, so wie die Mädels ehrfürchtig und mit großen Telleraugen Heidi anschauen. Eines Tages wurde die Sendung untertitelt: „Du bist aber fett geworden, iss weniger Äpfel, du Dummchen. So vermeidest du Fruchtzucker.“ Oder: „Tut mir leid, heute habe ich kein Foto für dich. Du Heulsuse bist für unsere Branche nicht gefestigt genug.“ Jetzt hatte ich die großen Telleraugen. Fruchtzucker von Äpfeln? Bloß gut, dass keiner jetzt sah, wie ich mein Snickers mit Cola runterspülte. Das war meine erste und letzte Begegnung mit dieser Sendung. Ich dachte an die nun weise erscheinenden Worte des Passanten und stellte fest: Auch Unwissen ist Macht.

 

Anscheinend wollte ProSieben die gehörlosen Zuschauer vor der Verdummung bewahren und schaffte für diese Sendung die Untertitel ab. Aber es kam zum Aufstand. Wütende gebärdende Mädchen und resignierte Männer bei Facebook forderten Recht auf Teilhabe. Und siehe da, der Erfolg war groß. ProSieben räumte kleinmütig seinen Fehler ein und gab Heidi und ihre Mädels der tauben Welt frei. Ich war wirklich baff. Nicht über den schlechten Geschmack der tauben Community, sondern über die Wucht ihrer Macht und ihres Willens! Sie können, wenn sie es wollen. Da können von mir aus Heidis angeblich witzige Sprüche und das Geflöte ihrer Magermädels untertitelt werden, ich schalte einfach um. Denn unsere Taubies wollen nun auch RTL unter Beschuss nehmen.

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Diese Kolumne und andere tolle Artikel findet ihr in Deutsche Gehörlosenzeitung.

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