Ich liebe die Filme mit der Thematik „Gehörlose“. Zum Teil wegen ihrer Inhalte, aber zum größeren Teil wegen dem kommenden Aufschrei in dem größeren Teil der tauben Gemeinschaft. Den gibt es fast immer. Öfters laut – sprich – vielfach geteilte Kritik und Kommentare in diversen virtuellen Communities.

Typic

Seit sechs Wochen zieht der Film „Verstehen Sie die Beliers?“ Millionen Besucher ins Kino. Der Regisseur Eric Lartigau erzählt eine Familiengeschichte, die mir und der gehörlosen Gemeinschaft nur allzu gut bekannt ist. Eine gehörlose Mama, ein gehörloser Papa, ein gehörloser Sohn und eine hörende Tochter! Man muss nicht lange raten, dass der Film sich auf die Tochter fokussieren wird. Wie lebt es sich als Außenseiter in einer Familie, wo alle anders sind? Und wie lebt eine Familie wiederum in der Gesellschaft, die anders als sie ist?
Die Tochter fungiert im Film als eine Brücke zwischen ihrer Familie und der Gesellschaft. Und nun kommt es! Sie entdeckt ihre Liebe zum Singen und wird somit zum Gegenbild eigener Familie. Das bringt natürlich Probleme mit sich! Die Tochter muss sich auf ihre Sängerkarriere konzentrieren und vernachlässigt ihre Unterstützung für die von ihr abhängige Familie. Weiter distanziert sich ihre Familie von ihr, weil sie das Gefühl hat, ihre Tochter an den Rest der Gesellschaft zu verlieren. Am Ende ist alles gut. Als die Tochter bei dem wichtigen Wettbewerb vorsingt, gebärdet sie gleichzeitig für ihre Eltern. Sie verbindet somit zwei Welten, gewinnt den Wettbewerb und wird von ihren Eltern akzeptiert. Ende gut, alles gut? Aber nicht auf dem Facebook! Apropos, wer genau den Inhalt des Filmes lesen will, findet hier eine wunderbar knackige Zusammenfassung.

Nun gut, zurück zur Gemeinschaft der Tauben. Mit dem Film hat sie drei Probleme.
Erstens: die Eltern werden nicht von gehörlosen Schauspieler gespielt.
Zweitens: die taube Gemeinschaft ist es sich zu fein über den „billigen“ Humor zu lachen.         Drittens: wieder diese Musik!

Zum Punkt eins kann ich wenig schreiben. Ich kenne den Motiv von dem Regisseur nicht. Vielleicht hat sich die talentierte gehörlose Schauspielerin Marlee Matlin der Schönheitsoperation unterzogen und sieht jetzt total schlimm aus! Vielelicht verlangte sie eine ambitionierte Gage. Vielleicht mangelt es am Nachwuchs an den Talenten unter Gehörlosen. Vielleicht befürchtete der Regisseur zu viel Einmischung seitens der gehörlosen Schauspielers oder warum spielt nur ein gehörloser Pubertärer in dem Film mit? Oder der Regisseur war pragmatisch und bevorzugte es den Schauspielern in der direkten Kommunikation Anweisungen zu geben. Ich kann hier tausende „vielleichts“ schreiben. Womöglich finden „Life in Sight“ oder „DGZ“ bald die Gründe raus, ob einer meiner „vielleichts“ stimmt (Hausaufgabe für die Redakteure ^^). Ich weiß nur, dass ich das Elternpaar sympathisch fand. Der Besuch beim Frauenarzt, wo die arme Tochter ihren Eltern übersetzen muss, dass sie bitte von dem Sex in den nächsten Zeit absehen und ihre dabei übertriebene Gesten lassen bestimmt jede Menge Sympathie für die Gehörlosen einfliessen. Und daran ist nicht falsch. Wir gebärden viel und gern über Sex. Am liebsten auffällig im öffentlichen Verkehrsmitteln, die zu unserer Bühne wird. Klar gab es ab und an übertriebene Gesten im Film. Aber vielleicht waren sie nötig um die Zuschauer zu fesseln, die null Ahnung von der Gemeinschaft der feinen Tauben haben. Die kokette Mama (Karin Viard), die auf ihr Aussehen fixiert war – man muss sie nicht für den Vertreter des Gehörlosentypus halten. Sie zeigte halt einen bestimmter Charakter. Wie in vielen Kinos. Außerdem soll man den hörenden Zuschauer nicht ihre Hirnzellen abschreiben und glauben, sie erkennen nicht, dass hier jemand etwas zu viel des Guten tut. Sie sehen das schon.  Auch dem Vater, von Francois Kamins, gespielt , sah man an, dass er im Gebiet der Gebärdensprache ein absoluter Neuling ist. Aber ich muss sagen, Respekt an die Gebärdensprachdozenten. Das wichtigste wie Schimpfwörter konnten sie gut rüberbringen. Und darum ging es. Denn von Klischees leben die Filme, denn Klischees lieben die Leute.

Und jetzt leite ich zum zweiten Punkt rüber – darf man die taube Gemeinschaft wie Deppen im Dorf darstellen? Und hier soll man die Entwicklung der tauben Gemeinschaft betrachten. Sie emanzipieren sich seit einigen Jahren, vor allem seit der Anerkennung der Gebärdensprache. Man will selbstständig sein. Im Café wird bei der Bestellung nicht mehr versucht zu sprechen, sondern man zeigt mit Zeigefingern auf Objekte, die man will. Die Taubies bestellen Dolmetscher und sehen diese nicht mehr als Lebensretter an. Die Emanzipation lässt sich teuer erkaufen. Es kostet einiges an Kampf und Mühe. Und es ist noch nicht zu Ende. In Berlin findet das Umdenken bereits statt, während die Tauben in fernem Würzburg oder Krefeld noch ganz am Anfang sind. Der Film droht das Image der kultivierten intelligenten Tauben zu zerstören – vielleicht ist das die Befürchtung. Wie kann man über eigene Degradierung lachen? Vor allem wenn man zu emanzipierten Gehörlosen gehört. Ich halte mich für emanzipiert, wirklich!

Zugleich aber erkannte ich so viele Sachen wieder. Die berühmte Szene beim Frauenarzt setzte mich in meine Kindheit zurück. Gut, da war ich bei dem HNO-Arzt. Die Probleme mit Frauenarzt lösten vermutlich die Schwiegermamas. Oder jetzt – im emanzipierten Jahr 2015 – da werde ich nach der Mitternacht aus dem Bett geklingelt um meine (weniger emanzipierten) Bekannte zu beruhigen, dass es normal ist,wenn man für Minus auf dem  Konto blechen muss – Zinsen – Bank hat nichts zu verschenken! Und wenn meine Freundin von meinem allerliebsten Verwandten auf ihre tolle Titten angesprochen wird (fühlst du dich angesprochen? 😉  ) – da lache ich einfach mit. Denn sie gibt natürlich Kontra! Eine weitere Szene, wo die Mutter ihrer Tochter offenbart, sie wollte ein gehörloses Kind haben zerreisst das Herz. Auch das kommt aber in besten Familien vor. Es gibt Taube, die sich ein taubes Kind wünschen. Es gab mal in der tauben Community ein Wunsch nach einer Spritze, der die Menschen gehörlos macht. Oder ist dieser Gedanke bereits out?
Was mit dem Schwerhörigen im Film, der da für den Gehörlosen dolmetscht? Das gibts heute noch! Ich schwörs! So manch einer Taube misstraut den Dolmetscher. Sie wollen doch nur Geld. Auch wenn es nicht von ihnen bezahlt wird. Dann lieber einen Schwerhörigen, der für ein mickriges Lob dolmetscht und sich dabei besser fühlen darf.

Was will ich mit diesem Umweg sagen!? Wir dürfen und sollen über sich lachen! Wie viel Filme gibt es, wo irgendeine Gruppe ausgelacht wird. Nur mit dem Humor sind wird unverwundbar. Auch wenn so manch eine Szene ungeschickt war im Film, so zeigt sie viel mehr die Ahnungslosigkeit des Regisseurs und der Darsteller. Und überhaupt – der Film macht die taube Gemeinschaft liebenswert, näher und ermuntert die Zuschauer auf uns zuzugehen. Bilde ich es mir ein, oder wieso habe ich seit wenigen Wochen es einfacher beim einkaufen oder Ärzten? So manch einer sah den Film und ich profitiere davon. Und sicher auch Andere in Krefeld und Würzburg.

Und nun zum Punkt drei, bevor ich hier euch endgültig mit meiner Blabla-Lust erschlage. Der Film hat was gemeinsam mit „Jenseits der Stille“. Es scheint für die Hörende immer noch unbegreiflich wie man ohne Musik leben kann. Ständig werden die Gehörlose daran gemessen. Das kann nervig sein. Das verstehe ich. Ich fand es aber spannend, dass einige Freunde mir berichteten, dass am meistens der Song am Ende – begleitet mit Gebärden – auf sie ein Eindruck hinterliess. Da hat der Film doch wieder seinen Zweck erfüllt. Ein Pluspunkt für uns. Und auch wenn der Inhalt von „Jenseits der Stille“ „abgekupfert“ zu sein scheint, wer guckt heute schon Filme aus 90er Jahren? Da braucht man immer wieder Neues Altes – Altes Neues. Vielleicht haben wir in den nächsten Jahren noch mehr Dolmetscher, die den Beruf wie durch „Jenseits der Stille“ entdecken?!

Ich rate in den Film zu gehen, Emanzipation zu Hause lassen, Humor in die Tasche einpacken, sich auf den roten Sesseln gemütlich zu machen, Popcorn holen und ganz wichtig – nach dem Film auf Zuschauern zuzugehen und ihnen zu erklären, dass die Problemen mit Scheidenpilz ihr auf andere Weise klärt.
Olja

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Alleine, dass sie nicht mal versucht haben eine eigene Story zu schaffen, sondern sich einfach die von Jenseits der Stille entlehnt haben, wird mich den Film meiden lassen. Ideen sind nicht einzigartig … aber SO plump? Nä.

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  2. Bub

    Manche verspüren nach dem Film „Jenseits der Stille“ den Wunsch, Dolmetscher zu werden.

    Mittlerweile suchen die Leute nach dem Wissen, aber ertrinken von den wohlmeinenden Informationen, Ratschläge, Filme, die von den Experten (das kann wohl jeder?) gemacht worden sind. Der Humor könne da Abhilfe verschaffen und in allem könne auch eine Portion Wahrheit stecken. Wo sie sind, versuche ich stets selber herauszufinden 🙂

    Mela, neue Storys werden immer schwieriger, denn alles wurde schon mal gesagt, erzählt und verfilmt worden. Jetzt gibt’s eine Neuauflage von „Nackt unter Wölfen“ etc…

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  3. Bettina

    Hej du,
    ich finde deinen Blog sehr interessant, v.a. die mit Inhalten zu deiner/n Identität/en und Herku(ü)nft/en. 🙂
    Zu den Beliers kann ich nur sagen, dass ich als Schwerhörige sehr gelitten habe, als ich den Film im Kino sah und mir schwor, danach nie wieder so uninformiert in einen Film gehen gehen zu wollen, der so offensichtlich mit Gehörlosigkeit und Gebärdensprache herumhantiert.
    Dass man über Dorfdeppen ja ruhig lachen kann, ist mir auch klar. Bauchschmerzen bereiten mir aber die Kombination von gehörlos und trottelig und übermäßig primitiv – denn Massen von (uninformierten) Menschen könnten möglicherweise nun genau den Eindruck gewinnen, dass gehörlose Menschen/Eltern von „Pubertieren“ wirklich so einfach und so dramatisch und kindlich seien. Das Schlimmste allerdings ist diese widerwärtige Verhalten, am Rockzipfel der Tochter zu hängen zu meinen. Wer dolmetscht dann – was sind wir ohne dich – wie sollen wir auf dem Markt klarkommen – wie soll der Vater Bürgermeister werden…? Und das ist auch komisch – so dumpf wie der Vater wirkt, wie um alles in der Welt sollte er die Wahl auch nur realistisch gewinnen. Das ist in Jenseits der Stille komplett anders dargestellt und auf deutlich höherem Niveau. Oder?

    LG

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