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Ich wohnte schon immer mit Menschen, unter einem Dach meine ich. In Moskau war es unsere kommunale Wohnung, wo meine Großeltern, meine Eltern, meine Onkels und ich sich morgens den Brei und abends den schwarz-weißen Fernseher teilten. Später war es 15-Bett-Zimmer im Internat. Auch in Deutschland ging es gesellig zu. Ob Super-Mario mit meinen Geschwistern oder Bewundern der Jungs beim Fußball im Internat, ich war nie allein. Als ich nach Berlin gezogen bin, durfte ich mich unter multi-kulti Studenten in Studentenwohnheim mitmischen und später in einer WG auf dem Balkon Bier trinken und Nachbarn kommentieren. Und irgendwann stellte mir sich die Frage, wenn ich doch ständig unter den Leuten bin, wie komme ich dazu zu entdecken, wie komisch ich bin. Denn ich war doch nie allein. Kaum klagte ich bei einem Freund über fehlende Ruhe, schon fand er für mich eine Wohnung und ich hatte nicht mehr die Möglichkeit mich auszureden  wie „Aber in der WG gibts oft ne Pizza für mich übrig“ , denn die Wohnung fand ich toll. (Hier nutze ich die Gelegenheit und danke dir nochmal, mein treuer Freund). Aber gut, das hier war nur das Vorwort. Kommen wir zum Wesentlichen. Zu mir. Denn allein schon beim Umzug lernt man viel.

Strom und Gas sind nicht in den Mietkosten beinhaltet. Wieso wusste ich das vorher nicht? Und Warmmiete ist wieder was anderes. Ein Deut schlauer bin ich geworden. Ach, es gibt verschiedene Anbieter für Strom? Ich darf wählen? Läuft das nicht über ein Rohr? Spannend! Kann jetzt bei mehr politischen Themen mitreden, wo ich doch direkt betroffen bin. Das schiefe Lächeln meines ehemaligen Mitbewohners bei meinen Fragen werte ich erstmal als seine Zufriedenheit über Öffnung meines Weltbildes. Nun gut, alles gebucht. Auch GEZ bescheid gesagt. Obwohl ich in ersten Monaten kein Fernseher und kein Internet hatte, verlangte die Guten aus Köln trotzdem nach den Kohlen. Sollen sie doch bekommen. Ich konnte es aber nicht umhin , denen das sagen, dass ich das als Investition in die Verbesserung der Untertiteln im Fernseher sehe.

Schlau wird man immer hinterher. Bei der Wohnungübergabe war doch alles noch top. Woher kommen plötzlich all die Emailschäden in der Wanne, kaputter Fliesen im Boden, Fett und Fett und Fett in der Küche? Tausende Mails an die Hausverwaltung später bekam ich die Bewilligung für die Behebung nur eines Mangels. Eines Mangels von etwa 25. Tja! Auch das bildet! Mama, mein Schatz, kam mit der Putzbürste angereist und wir putzen zusammen die Wohnung blank.

Wie gut – eine russische Familie zu haben, die all ihre Freunde mobilisiert und sie zusammen dann in Sturm meine Wohnung verschönerten. Ob Tapeten, oder die Mängel, die Hausverwaltung beheben muss, es wurde nach und nach schöner. Zwischendurch musste ich natürlich raus, die Luft schnappen. Russische Methoden sind ja bekanntlich so: mit der Faust auf den Fernseher klopfen und hoffen, dass es dann läuft. Und falls der Fernseher dabei kaputt geht, wird er halt renoviert. Und so ging es in meiner Wohnung. Aber gut, sie steht und ist schön. Auch wenn der Tapetenverkäufer sich über den 3. Verkauf der selben Rolle freut. Wie gut, dass mein Freund deutsch ist und mir den Schrank mit seiner deutschen Gründlichkeit baut. Ein Grund mehr ihn zu lieben und ehren. Und dann natürlich meine Freunde, ob deutsch, italienisch oder polnisch: jeder von ihnen hat bei mir seine Spuren hinterlassen. Wenn ich jetzt allein in der Wohnung bin, so fühle ich sie alle bei mir.

Und dann kommt die große Frage: wie richte ich meine Wohnung ein? Wer bin ich? Ein Ikea-Konsument, ein Flohmarkt-Fuzzie oder Individualist auf Teufels komm raus, auch wenn mein Geldbeutel nicht mitmacht. Ich entschied mich für eine Mischung. Aber allein entscheiden kann ich ja nicht wirklich. Erstmal will ich, dass mein Freund sich wohl fühlt. Schließlich ist das auch sein Zuhause. Dann muss ich öfters mal meiner Familie ein Bericht über die Käufe erstatten. Manchmal schenken sie mir auch was, das irgendwie integriert werden muss. Und dann noch die Kommentare meiner Freunde: musste das wirklich sein? Und da stehe ich mit meinen Bedürfnis nach dem Ich und gleichzeitig dem Bedürfnis allen Recht machen zu wollen. So kommt es, dass ich was kaufe, es hinstelle, feststelle es ist kacke, wieder zurückfahre, mich über die Rückgabe streite, nach Hause fahre und es bereue das gute Stück abgegeben zu haben. Herrlich! Es gibt allerhand was zu tun.

Was stellt man alles noch fest? Pläne sind dazu da, damit man sie verwirft. Was mit dem tollen schweren Spiegel an der Wand, wenn es aus Gips ist und nicht mal ein Minibild tragen kann. Und Betonwand kann man doch nicht durchbohren , da geht meine Maschine flöten.

Jedenfalls bin ich jetzt ganz und gar nicht allein. Ich hab das Gefühl noch weniger Zeit zu haben. Aber irgendwie ist mir das auch recht. Auch das gehört zum erkunden nach dem tiefen ICH, das jedes Mal fröhlich zuckt, dass der Fernseher läuft, auch wenn es einer Faust statt Schraubenzieher zu verdanken ist.

15 Kommentare

  1. Желаю тебе удачи и терпения с благоустройством своей квартиры. И ещё. Прежде чем захочешь что-то упить или сделать для своего гнёздышка, ты хорошо подумай. Очень хорошо подумай, а оно тебе это надо? И потом делай. Как говорят русские: семь раз отмерь – один раз отрежь. Целую тебя в конпочку. твой папусик.

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  2. ….eine interessante Geschichte, was du da schreibst. 😉 2 Tage mit dir und deiner neuen Wohnung war echt lustig und hat mich gefreut mit dir in deiner neuen Wohnung verbringen dürfen bzw. mithelfen …*grins* *schmatz* 😉

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  3. Оля, опыт приходит с годами. На ошибках мы учимся. Что не углядела сразу, то всплыло потом. Пусть это будут в твоей жизни самые большие ошибки. Но помни одно. Кельн ждет тебя и в Кельне ты будешь никогда однокой. Тебе есть куда и к кому прийти в любое время дня и ночи. Мы ждем тебя.

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  4. mensch olja! du schreibst so klasse!

    wie kommst du auf die idee, der gez was zu zahlen? kann mensch umgehen.. ich zahl jedenfalls nix für die gez, hab ja auch keinen fernseher ^^

    und ja, spuren in deiner wohnung (mit öko-strom hoffentlich? ^^) will ich auch noch hinterlassen… nach einem russischen frühstück 🙂

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  5. Олечка, ты молодец. Легкой жизни не бывает.Ты преодолела всех трудностей. Желаю тебе, чтобы ты была всегда счастливой и мужественной. И ещё свободных барьеров тебе.
    Всегда будет хорошо. Люблю тебя, мама

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