Endlich war es soweit. Ich wartete schon eine Ewigkeit darauf, bis dieser Film auf deutschen Leinwänden erscheint. Da die Filmrechte nicht erworben wurden, wurde die Präsentation nur auf drei Tage beschränkt . Noch ist es offen, ob die Filmrechte erworben werden und der Film dann in alle deutschen Kinos läuft. Aber zum Trost, für alle, die den Film verpasst haben. Der Film wird im Frühling als DVD in Frankreich erscheinen. Und ich verspreche, auch die „französische Version“ werdet ihr verstehen.

IMG_0834.JPG

Filmkritik auszuüben habe ich noch nie gemacht. Habt deshalb bitte Nachsicht mit meinen anfänglichen Versuch.

Ich wollte unbedingt am Dienstag hin, weil die Schauspielerin und der Regisseur da sein sollten. Leider gab es vom Regisseur keine Spur. Aber immerhin kam die tolle Darstellerin. Es war sehr voll im Saal, aber es waren nur fünf Gehörlose da. So kuschelten wir uns alle eng zusammen.

Erst kam die Schauspielerin auf die Bühne, die den Zuschauer von der kommenden Stille warnt, die den ganzen Film lang anhalten soll. Liebevoll verweist Yana Novikova drauf, dass es aber machbar sein wird, den Sujet des Films zu verstehen. Denn das Leben braucht keine Sprache. Vieles ist auch so ersichtlich. Mit diesem Wissen macht der Zuschauer im Film nun die Begegnung mit dem gehörlosen Sergej, der eine ältere Frau nach einem Weg fragt. Der Zuschauer fühlt die Kälte, die von der Frau ausgeht. Dies war erst der Start. Die Kälte begleitet den Zuschauer den ganzen Film lang. Umso intensiver werden die seltene Momente der Liebe von dem Zuschauer gekostet.

Sergej wird von der Schulleiterin empfangen, die ihn in den Händen eines Zöglings übergibt. Er solle sich um alles kümmern und ihm einen Platz im Internat zuweisen. In dem Film können alle Lehrer komischerweise gebärden. Sogar der Hausmeister beherrscht die Gebärdensprache. Ich verstehe schon, dass in dem Film alle gebärden und nicht sprechen sollen, so war es der Ziel des Regisseurs. Nur wird mir mulmig dabei, wenn die unwissende Zuschauer dann denken, dass die Gebärdensprache beim Schulpersonal etwas ganz normales ist. Und das auch noch im Osten. Der Film spielt nämlich in der Ukraine. Und ich war ja dort in der Schulen und sah, dass die Lehrer sich einer traditionellen oralen Methode in der Schule bedienen. Auch sieht man in dem Film den Schulpersonal viel zu selten. Denn die Lehrer scheinen sich nicht für die Schule zu interessieren und die Schüler regeln alles selbst.

IMG_0835.JPG

 

Aber gut, Sergejs Schicksal liegt also in den Händen seines Mitschülers, der ihn schamlos ausbeutet, verprügelt und in das Zimmer mit einem Geistigbehinderten steckt. Im Internat herrschen starke Hierarchiestrukturen. Eine Clique sorgt bei allen für Angst – kein Wunder bei viel Gewalt. Irgendwann reicht es Sergej, als er mal wieder von seinen Peinigern verprügelt wird. Er wehrt sich und es stellt sich heraus, dass seine Muckis was zu bieten haben, als er sich mit der ganze Bande anlegt. Und ta ta ta – hier kommt die Überraschung. Sergej wird ein Mitglied der Bande und macht viele Untaten mit. Ob einen alten Mann bewusstlos wegen Bier verprügeln oder die kleine Mitschüler zu tyrannisieren und ihnen Geld abzupressen oder zwei hübsche junge Mitschülerinnen auf dem Strich zu verkaufen. Sergej ist aus der Clique nicht mehr wegzudenken.Und hier fängt die Geschichte an, den Zuschauer zu fesseln. Denn als Sergej wieder mal seine hübsche Mitschülerin auf Strich schickt und sie dabei überwacht, verspürt er eine Lust. mit dem von Kunden eingenommenen Geld, das eigentlich an Cliquenboss gehen sollte, bezahlt er seine Mitschülerin für den Sex mit ihm. Sie lässt sich darauf ein, will aber keine Zärtlichkeiten, sondern – Verzeihung – das Rumhacken fürs Geld. Die Szene ist sehr rührend, man sieht, wie die junge Frau beim Sex zu Sergej etwas spürt und nun doch mehr als Sex geschieht. Beide junge Menschen liegen in einer ungeheizter Kammer im tiefen Winter völlig nackt und verliebt.

Dieses Erlebnis hat bei Sergej seine Ansprüche auf das Mädchen geweckt. Von nun an ist er besessen davon mit aller Macht zu verhindern, dass sein Mädchen mit den anderen schläft. Doch das Mädchen empfindet es normal herumgereicht zu werden und schläft mit Sergej nur gegen Geld. (Das sind aber sehr schöne, authentische Szenen, an die Hollywood nicht mal annäherungsweise rankommen kann. Alles sehr realistisch: die verletzliche Nacktkeit, die Umarmungen, die Stößungen und keine gebräunte, geölte Haut mit aaah und ooh.) Das  Geld von Sergej ist das einzige Einkommen, was sie direkt bekommt, denn  das andere geht an den Chef. Dieses Geld benötigt sie auch um Abtreibung zu bezahlen. Der Zuschauer erlebt mittelalterliche Methoden hautnah und so mancher von uns konnte nicht anders als seinen Blick von der Leinwand abzuwenden. Aber das ist nicht der Höhepunkt. Das Mädchen soll irgendwann nach Italien mit ihrer Freundin anschaffen und um das zu verhindern zerreisst Sergej ihr neu, mit Mühe erworbenen Reisepass. Die Clique lässt das nicht gelten und verprügelt Sergej so stark, dass man sich sicher ist, er ist tot. Am Ende des Filmes sieht man ihn aber, wie er nachts zu jedem Banditen der Clique geht und ihn mit Nachttisch erschlägt. Alles geschieht sehr sauber, die Jungs wachen nicht mal auf. Sie zucken etwas und liegen daraufhin in der roten Blutlache.

IMG_0860.JPG

 

Was danach geschieht, lässt der gemeine Regisseur offen. Aber nach fast 3 Stunden, sollte es auch so sein. Der Film zieht sich ein bisschen in die Länge und für die Zuschauer, die es nicht gewohnt sind, ihre Ohren mal nicht zu gebrauchen, könnte das anstrengend sein. Ansonsten beschäftigte mich der Film noch wochenlang und ich wachte manchmal auf und sah die Peiniger in der Blutlache. Der Film hatte trotz der vielen Grausamkeiten etwas märchenhaftes und dieser Zauber fesselte mich noch intensiver – diese Küsse, diese Blicke und junge, naive Liebe, die der harten Zeiten zu wachsen versucht.

Nach dem Film durften wir die Fragen stellen. Die Schauspielerin ist 21 Jahre jung und ihre Eltern sahen den Film noch nicht. Es war schon immer ihr Traum berühmt zu werden und dafür war sie bereit sich zu entblössen, und das erfordert in der kleinen Welt der Gehörlosen ordentlich Mut und dicke Haut. Die Weissrussin erhofft für sich noch mehr Aufträge und ich wünsche es ihr auch. Sie war beeindruckend. Ich war sehr froh, dass im Laufe der Diskussion erklärt wurde, dass dies ein Spielfilm wurde und keinesfalls die komplette Realität widerspiegelt. Natürlich gibt es Abtreibungen, brutale Cliquen und und … Aber übertreiben gehts immer.

Wer hat diesen Film auch gesehen? Auf eure Meinungen bin ich gespannt! Ich fand es nicht wie die vielen Zuschauer, dass die Gehörlosen zu den Urmenschen erklärt werden. Das Ziel war der andere. Mit neuem Format alte Geschichten zu erzählen und das ist in dem Film gut gelungen.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.