Mein trauriger Held

Neulich hat mich eine liebe Freundin geschelt.  Sie wartet, dass Confeta mal wieder gefüttert wird. Ich entschuldige mich bei den Lesern der Confeta. Es gibt in der Tat so viel zum Berichten. Über den herbstlichen Regen, über die Reise mit dem transsibirischen Eisenbahn, über jüdischen Viertel in wunderschönen Krakau und nahezu täglich passiert etwas Berichtenwertes. Leben sei dank.  Ich hätte bloß sooo gern 50 Stunden am Tag. Ich will hier aber nicht klagen! Wir arbeiten an einer Lösung. Hier aber für unsere tollen Leser eine rührende Geschichte über den traurigen Helden. Abgedruckt auch in DGZ im Mai 2016.

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Momentan ist die Teilhabe der Tauben an der Gesellschaft ein allgegenwärtiges Thema. Jeder definiert die Gestaltung der Teilhabe anders. Ob in Form von unbegrenzter Bestellung an Dolmetschern für Zwecke wie Friseur oder Finanzamt, oder als Gebärdensprachpflicht für alle deutschen Mitbürger oder in Form von 400 Euro monatlich als moralische Entschädigung. Was mit dem Geld passiert, bleibt je nach Individuum offen. Jedenfalls kämpfen die Tauben je nach ihren Möglichkeiten – ob mit wütenden Gebärdenvideos, Briefen an Politiker oder Drohen mit verrückten Aktionen bei Demos.

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen, eine von meinem traurigen Helden, der auf seine Art und Weise für Teilhabe kämpft. Ihr wisst, es gibt immer jemanden, dem es schlechter geht als uns. Mein trauriger Held, nennen wir ihn Ben, ist ein geistig behinderter Gehörloser. Er lebt im Heim für Behinderte, als Einziger seiner Art. Morgens dem Meister in der Behindertenwerkstatt ausgeliefert, abends seinen Mitbewohnern, die sich alle besser fühlen als er, da sie ja hören können. Seine Mutter besucht ihn regelmäßig einmal im Monat, stets ein neues Smartphone in der Hand, um ihr schlechtes Gewissen freizukaufen. Nicht seiner Sprache mächtig, sitzt sie neben ihm und schaut ihn stumm an. Abends geht sie und alles, was er von ihr hat, ist das Smartphone, welches er regelmäßig in seiner Ohnmacht wütend an die Wand schmeißt. Jahrelang ging unser Ben seinen Pflichten nach. Wenn er mich mal sah, guckte er mich mit traurigen Augen an. Seine Mutter wurde von einem Freund auf die Möglichkeiten für gehörlose geistig Behinderte hingewiesen – ohne Erfolg.

Eines Tages sah ich Ben in der Straßenbahn, mit einem Besen. Er schreckte die Passanten ab und besetzte dort einen Wagen. Das nächste Mal sah ich ihn im Bahnhof in Gemeinschaft johlender Punker. Gemeinsam spielten sie den geschockten Passanten Streiche und lachten. Ich glaube, ich sah ihn noch nie so glücklich. Beim dritten Mal sah ich ihn mit einer Flasche Tequila in der Hand, mit vollem Bartwuchs, aber immer noch traurigen Augen. Meine Kontaktperson mit seiner Mutter verriet – sie sieht ihren Fehler ein. Auch sein Heim fängt an, sich mit Bens Situation auseinanderzusetzen. Die Arbeit in der Behindertenwerkstatt hat er verloren. Jedenfalls hat unser trauriger Ben rebelliert. Er kämpft. Ich mag und will glauben, dass auch unser Ben Teilhabe in der Gesellschaft findet, mit dem Besen als seine Waffe.

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Oljas Monologe

Diese Kolumne und andere tolle Artikel findet ihr in Deutsche Gehörlosenzeitung.

 

Ein Kommentar

  1. Liebe Olja…. um ehrlich zu sein, stolperte ich über den Film“ Die Bliers“ in deinen Blog.
    Ben hat mich gerade sehr berührt. Unsere Gesellschaft vergibt gerne Stempel und Anderssein wird meist zu gemieden, ausgegrenzt, fremd.
    Dabei ist es doch ein Ben, der eine Bereicherung für uns alle darstellt. Wenn man sich nur die Mühe machen würde die Welt von seiner Warte zu erleben und erlebbar zu machen.

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