Stellt euch eine große Firma vor, in der 5 000 Mitarbeiter täglich 8 Stunden lang ihren Job verrichten. Um zu funktionieren, benötigt die Firma zig Abteilungen. In diesen Abteilungen sind taube Personen zerstreut. Und so freuen sie sich immer auf eine Betriebversammlung. Immer sitzen diese Tauben dort kuschelig nebeneinander und so manch einer Außenstehende bekommt das  Bild von Unzerütterlichkeit dieser Gruppe vermittelt.

Typic

In dieser großen Firma ist nur zwei Tauben das Glück vergönnt in der selben Abteilung zu  arbeiten. Kurt und Jürgen teilen sich ein Arbeitsplatz gemeinsam schon 25 Jahre. Aber das ist das Einzige was sie teilen.

Jeden Morgen um 7 Uhr erscheinen die beiden in ihrer Abteilung. Kurt kocht sich ein Filterkaffee, den Pulver bewahrt er dafür in einer Schublade auf, für die er extra einen Schloss eingebaut hat. Jürgen hat eine eigene Nespresso-Maschine mit eingebautem Code, die nur er allein kennt.

Kurt liest jeden Morgen beim Filterkaffee eine Bildzeitung. Wenn er mit dem Lesen fertig ist, zerreißt er sie in die Stücke und wirft ins Papierkorb neben Jürgens Stuhl. Seine Zeitung mopst Kurt heimlich beim Pförtner. Jürgen liest bei seinem Nespresso ebenso eine Bildzeitung, die er nach dem Lesen sorgfältig faltet und in seine Tasche steckt. Diese kauft er jeden Morgen im Kiosk.

Immer wenn der Abteilungleiter kommt, seufzt Kurt theatralisch, gebärdet zu ihm und zeigt Jürgen dabei die Schulter, immer darauf bedacht, dem Kollegen nichts preiszugeben. Zum Abteilungsleiter hingewendet, gestikuliert er klagend in kleinen Gebärden wie die Arbeit, der Chef und der Kollege ihm das Leben schwer machen. Jürgen bekommt es über den Schulterblick jedoch jedes Mal mit und wehrt sich, den ganzen Raum einnehmend, so dass Kurt es nicht übersehen kann, er solle endlich in die Rente gehen, denn der Firma falle so ein Giftzwerg nur zur Last. Und so schicken sie jeden Morgen den Gift hin und her  – jeder für sich ohne den anderen eines Blickes zu würdigen.

Wenn Kurt und Jürgen miteinander die Worte austauschen, dann sind es „Guten Morgen“ Punkt um 7 Uhr und „Auf Wiedersehen“ Punkt um 16 Uhr.

Der Abteilungsleiter, friedlich besonnen, habe versucht jeden Tag zwischen den Parteien zu vermitteln. Das schon seit 25 Jahren. Und weil der Abteilungsleiter innovativ sein wollte, informierte er sich im Google und entdeckte, dass es sowas wie Gebärdensprachdolmetscherin gibt und er über sie sich Gehör verschaffen kann. Er googelte sogar heraus, dass Integrationsamt solche Maßnahmen unterstützt und erreichte für seine Abteilung monatliche Anwesenheit der Dolmetscherin für jeweils 3 Stunden.

Kurt und Jürgen waren von der innovativen Idee ihres Abteilungsleiters nicht angetan. Die Dolmetscherin kam immer einmal im Monat. Der Abteilungsleiter redete über Frieden, Freude, Eierkuchen, aber von beiden kam nichts zurück.

Und so kam die Dolmetscherin sechs mal in die Firma und sechs mal schwiegen die beiden und sechs mal bemühte der arme Abteilungsleiter sich um den Friedensprozess in dem er 3stündige Monologe führte.

Irgendwann sah der Abteilungsleiter ein, dass seine Idee keine Früchte brachte und bestelle die Dolmetscherin ab.

Kurt und Jürgen schauten sich an und lächelten. Kurt zu Jürgen: „Ab morgen teile ich mit dir meine Bildzeitung.“ Jürgen zu Kurt: „Und du bekommst von mir die Code für die Nespresso-Maschine.“

Jetzt sieht der Abteilungsleiter jeden Morgen folgendes Szenario und denkt sich: Das mit der Dolmetscherin hat sich doch gelohnt.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so arbeiten sie noch heute …

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