Eigentlich macht es heute mehr Sinn irgendwas weihnachtliches zu schreiben. Doch wenn ich ehrlich bin, angesichts des fehlenden Schnee, rarer bunter Beleuchtung an Fenstern der Nachbarn und komischerweise halbleeren Geschäften (bestellen jetzt alle im Internet?) bin ich irgendwie noch nicht im Weihnachtsmodus.

Doch weil 24. Dezember in meinem Kalender fett und rot markiert ist und ich jetzt deshalb unterwegs im überfüllten Zug mit gut gelaunten Menschen und ihren XXL-Koffer fahre, habe ich endlich Zeit Confeta zu füttern.

Und weil Weihnachten doch Zeit der Besinnung ist, Zeit den Menschen zu zeigen, dass man selbst zu den Guten gehört und ein paar Scheine gern irgendwo spendet, will ich hier von Güte der Inklusion schreiben. Aber nicht von der Idee an sich, sondern von einem tollen Beispiel von dem so manche Inklusionswütige ein Scheibe abschneiden können.

TypicIch besuche gern und leidenschaftlich kulturelle Veranstaltungen. Ob Ballett, Theater oder Gebärdensprachpoesie, da bin ich immer gern vor Partie. Doch zugegeben, in der letzten Zeit lässt mein Hobby nach. Vielleicht ist zu viel des Guten einfach nicht gut. Vielleicht liegt es aber auch daran, wie viel von dem Bühnengeschehen bei mir tatsächlich ankommt.

Theaterstücke sind toll, aber ganz ehrlich, eine Lektion habe ich für mich gelernt. Will ich gefesselt werden, so soll ich mich besser  nicht auf das Verdolmetschen verlassen, sondern vorher Bücher oder zumindest inhaltliche Zusammenfassung des Stückes lesen. Die Dolmetscher sind treue Soldaten des Inklusionsystem. Mit viel Mühe lassen sie das Gesprochene zu uns Zuschauern durch ihre Hände fliessen. Der gute Wille allein reicht aber nicht. Wie soll man das Drama, das so einen speziellen Akzent in Verbalem hat zu den tauben  Zuschauern durchdringen lassen.

Zugegeben – es ist jedes Mal ein Dilemma – entscheide ich mich fürs Inhalt und schwarz angezogene Dolmetscher, die schüchtern beiseite stehen und den Darsteller ihre Show nicht stehlen wollen oder bevorzuge ich hübsch angezogenen Darsteller mit eng anliegenden Glitzerhosen. Jedenfalls verpasse ich immer etwas – entweder den Inhalt oder die knackige Kerle. Und ganz ehrlich – Inhalte kann ich auch in Büchern lesen. Und knackigen Kerl, habe ich nur einen Zuhause und der zieht für mich keine Glitzerhose an.

Es gibt auch Darstellungen mit Schattendolmetscher, sie sind einen Schritt weiter. Aber auch hier gilt, nicht jeder Darsteller hat einen Schattendolmetscher. Bei zwei, drei Darstellern geht es noch gut. Aber stellt mal vor, es sind sieben Zwerge und eine Schneewittchen auf der Bühne. Und zwei Dolmetscher, die von einem zu anderem Zwerg hüpfen. Schon sind sie bei dem großen Zwerg und der Schneewittchen und dann muss einer von ihnen ganz schnell zum kleinen Zwerg rennen, denn der sagt plötzlich was. Da wird den Dolmetschern eine wahrlich sportliche Leistung abverlangt, kombiniert mit  schneller Reaktionfähigkeit, Teamarbeitskompetenz  sowie Hollywoodlächeln-Einsatz. Dass die Dolmetscher Übergötter sind, gehört nicht zu meiner Haltung und so sitze ich hinten im Publikum und leide mit den Dolmis auf der Bühne mit. Und mit dem tauben Publikum.

Es öffnen immer mehr und mehr Theater und Oper ihre Pforten für Inklusion und ich bin guter Dinge, dass mit der Erfahrung irgendwann eine zufriedenstellende Lösung für alle gibt. Es gibt genug knackige Dolmetscher, die ich kenne, denen die Glitzerhosen stehen würden.

Der Leser hat natürlich Recht, wenn er mich dann zu Theaterstücken mit gehörlosen Darsteller schickt. Habe ich auch hinter mir. Mehrere Male. Erstens, ist das eine sehr nette Sache. Ich finde, es ist auch eine große Leistung von Amateuren, da auf der Bühne die Zuschauer in ihre Welt zu entführen. Meistens wird in der Freizeit geübt oder in der letzten Minute eine Woche vor der Aufführung. Da habe ich Verständnis für alles. Aber so goldene Talente unter Tauben, die kann man an Finger abzählen. Nicht, dass ich selbst auf der Bühne was meisterhaftes abliefern kann, bin sicherlich zehnfach schlimmer als Amateure. Aber wie geschrieben, es ist einfach nett hinzugehen und die Darstellung anzuschauen. Mit einem geöffneten Kinnladen und großen Augen gehe ich aber nicht nach Hause. Und noch eine Sache… ist es Inklusion, wenn die Taubies in ihren Aufführungen stets Inklusion und als Taubheit als Thema haben? Ich habe in meinem Alltag genug damit zu tun. Ich will Drama! Liebe! Mordgelüste! Nur her damit. Inklusion? Probleme mit den bösen Hörenden? Da reicht es für mich meine Wohnung zu verlassen und schon bin ich mittendrin in der Inklusionsdrama.

Neulich durfte ich auch so ein Inklusionsdrama in einem Inklusionsmusikal ereben. Mal ganz was neues. Eine Reihe vor mir twitterte eine aufgeregte Zuschauerin alle fünf Minuten über alle sämtliche Barrieren. In der Dunkelheit ging ihr Smartphone immer aus und an und den Zuschauer in den hinteren Reihe ziemlich auf die Nerven. Aber was regte sie so auf? Ich habe keinen Twitter, aber hier meine Perspektive:

Es ist Inklusionsmusical, der eine ganze Palette von verschiedenen Behinderungsformen auf der Bühne präsentiert. Alle hüpfen, singen, tanzen ganz fröhlich auf der Bühne. Jeder und jede wie sie können. In Rahmen ihren Möglichkeiten. Und Taube dürfen bei so einer Vielfalt nicht fehlen. Eine taube Darstellerin, zierlich, charismatisch, mit langen lockigen Haaren – sie tat mir leid. Denn es macht keinen Spaß mit sich allein zu gebärden und so zu tun als ob man verstanden wird. Die Dolmetscher waren auch seitlich versteckt, schüchtern waren sie aber nicht. Der eine mit wackelnden Hüften war eine starke Konkurrenz für all die glitzernden Darsteller und zog wirklich alle Zuschauer in seine Bann. Da habe ich dieses Mal ganz viel Glitzerkram verpasst. Ich sage ja, man muss sich immer entscheiden.

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Wenn ich mal auf die Bühne schaute, dann mit gemischten Gefühlen. Bei manchen dachte ich „ wie süüüüß, schön, dass sie mal nach vorne durften.“ Bei manchen dachte ich „wow, das ist richtig gut“, nur, dass es Tanzprofis waren. Ich ertappte mich dabei, wie deinklusiv meine Gedanken waren und die Gewissensbisse knabberten noch den ganzen Abend an mir. Wirklich toll war Tango der Frauen im Rollstuhl mit den „laufenden“ Herren. Wie graziös diese Frauen auf den eisernen Dingen waren und wie sie ihre Partner im Schatten liessen. So stelle ich mir Inklusion vor. Alles Andere war nett, man hat es versucht. Und es war ja auch ein nettes Publikum mit Verständnis für die Inklusion. Es ist nämlich eine schwere Aufgabe jeden zufrieden zu stellen. Auf der Bühne und im Publikum. So gingen alle mit einem „war aber nett“ nach Hause.

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Irgendwann war ich all des müde und wollte meinem Fernsehkasten – zumindest für einen Zeitraum – Vorzug geben. Da durchkreuzte aber mein guter Kumpel eine Woche später all meine Pläne. Heulend teilte er mir mit, dass er Beistand braucht. Er habe zwei Karten für einen Abend mit einem Bauchredner, der verdolmetscht wird. Und alleine hingehen mag er nicht und ich solle bitte für seinen Ex einspringen und seine Händchen halten. Und da ich eine gute Freundin bin, ging ich zähneknirschend mit. Ich dachte an zwei bevorstehende  Stunden mit quiekendem Bauch und wie das Ganze bemüht lustig übersetzt wird. Ich wurde eines besseren gelehrt und danke hiermit herzlich dem Ex meines Kumpels.

Es waren zwei tolle Stunden. Sascha Grammel und seine Dolmetscherin schienen eine Einheit zu sein. Sie durfte ihn nicht nur beschatten, sondern war ein Teil seiner Show. Sascha war reichlich über den „anderen“ Humor der Tauben informiert und integrierte seine Show die Elemente des tauben Humors. Ohne belehrend zu wirken machte er auf lustige Weise, die Taube mit dem hörenden Humor bekannt und die Hörende mit der Welt der Gehörlosen bekannt. Mein Kumpel und ich waren nur am Lachen und fühlten mit den Handpuppen ganz doll mit. Mir tat vor allem die dumme in Sascha verliebte Josi an. Ihre große Augen und trauriger Blick … so einen Blick konnte Dolmetscherin nur allzu gut kopieren. Sie konnte glatt auch Josi heißen. Und Sascha, der nicht wusste, ob er die Schildkröte Josi oder Dolmetscherin mehr gern hat. Das war es! Die Inklusion!

Da steckt sicher jede Menge Arbeit dahinter in dieser gelungenen Show (sowohl von Sascha als auch von der Josi-dolmetscherin) und ich bin froh, dass ca. 500 Gehörlosen aus ganz BRD diese Leistung würdigten. Und ganz am Ende wurde der ganze Saal sentimental. Ein kleiner Bub überreichte dem Sascha den Poster mit den Worten „Danke für Gebärdensprache“ und Sascha weinte…. vor Freude. Einmaliger Moment. Da spürte man Gänsehaut bei allen Beteiligten.Ich glaube, dass ich nicht die einzige war, die den Drang verspürte auf die Bühne zu hüpfen und ihn zu knuddeln.

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Ich konnte hier natürlich Fazit aus der ganzen Geschichte ziehen, das ist eigentlich so üblich. Aber das überlasse ich euch und euren weihnachtlichen Stimmung.

Nun genug Theater für heute. Denn Weihnachten ist Show-Time! Und ihr seid als Darsteller selbst mittendrin.  Frohe Feiertage.

Eure …

Olja

 

3 Kommentare

  1. Ein schöner Artikel. Ich dachte immer Humor und viele Späße werden über Sprachgrenzen hinweg verstanden. Kannst du vielleicht noch mal etwas mehr über den speziellen Humor der Tauben schreiben? Was für Elemente hat Sascha zum Beispiel eingebaut? Viele Grüße, Niklas

    Antworten
    1. confeta Autor

      Hallo, Niklas! Danke schön erstmal für dein Lob! Schön, dass du zu Confeta den weg gefunden hast =)
      Bei Gehörlosen ist das grundsätzlich so, dass ihr Humor verstärkt mit Mimik verknüpft wird. Sascha machte bei der Show viele sprachliche Witze, wie z.B: Ei-Phone. Das ist natürlich schwer zu dolmetschen.
      Was Sascha gemacht hat, war aber, dass seine Puppen verstärkt Mimik und Körperhaltung einsetzen und dabei mit der Gebärdensprachdolmetscherin flirteten. Leider liegt die Veranstaltung schon über ein Monat zurück.
      Aber vielleicht findest du in diesem wunderbaren Artikel ein paar Antworten zu deinen Fragen: http://gehoerlosenzeitung.de/Leseproben/view/Hoerender-Humor-aus-dem-Bauch-heraus/
      Viele Grüße

      Olga

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