Habt ihr schon mal eine inklusive Anmache erlebt? Ich schon! Dieses Ereignis liegt gute zwei Jahre zurück (oder waren es drei?) und ich erinnere mich aber an alles. An jede einzelne Detail.

Foto 1Angefangen hat alles damit, dass ich an diesem Tag ein Vorstellungsgespräch hatte. Da zieht man sich natürlich die beste Bluse an, tuscht die Wimpern mehr als zweimal und setzt das sympathischste Lächeln auf. Und ja! Das Rock ist nicht zu vergessen. Gleich nach dem Vorstellungsgespräch eilte ich mich zum Flughafen, denn von dort aus, sollte es nach Sibirien gehen. Nach dem ich mich in Moskau in das nächste russische Flugzeug gesetzt habe, fragte ein Mann mich, ob neben mir ein Platz frei ist. Da denkt man sich nichts weiteres und freut sich über das Vorhandensein der Manieren, wo doch die Sitzplätze eh festgelegt sind. Die Überraschung kam fünf Minuten später. Der Platz war nämlich für einen Anderen gedacht. Doch der junger Mann neben mir – ein Pferdeschwanz, schwarze Lederjacke – schrie den Passagieren an, zeigte auf mich und zog mich zu sich. Der Passagier verschwand schnell und ich habe ganz schnell Stellung bezogen. Meine Behinderung sollte das Schutzschild gegen diesen Verrückten bilden. Ich zeigte auf meine Ohren und deutete an nichts zu hören. Wie sprachlos ich war, als dieser sein Kissen aus dem Rucksack holte und mit dem Eding mir auf Englisch schrieb, dass alles kein Problem sei und wir auf seinem Kissen schreiben können. Da dachte ich mir, dass der Typ doch noch ganz okay ist. Erst schrieben wir in Englisch auf seinem Kissen hin und her bis wir feststellten, so europäisch wir auch aussehen, kommen wir beide aus Russland. Da das Kissen voll geschrieben wurde, schrieben wir auf russisch auf einer Zeitschrift weiter. Und das war ein Erlebnis! Ich habe noch nie erlebt, dass jemand mit Hilfe der Schrift seine Fassung wiedergab. Erst flirtete der Mann mich in der niedlichen Schrift an und säuselte die Komplimente von dem schönsten Mädchen in Universum, das er gleich heiraten würde. Als ich ihm zurück schrieb, dass ich bereits vergeben sei, folgte als Antwort in großer, kaum lesbarer Schrift ich sei eine Schlampe.

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Die ganze Zeitschrift- die ich natürlich als Andenken mitnahm – spiegelt die emotionale Fassung des Mannes wieder. Saubere Schrift- große Schrift – comicartige Schrift – unlesbare Schrift. Ich war überfordert! Der Mann war sicher schizophren! Noch nie habe ich erlebt, dass alle 30 Sekunden ich zugleich Komplimente und Beschimpfungen an den Kopf bekam. Und der Flug sollte nach vergangener Stunde noch gute fünf Stunden dauern! Ich brauchte Hilfe! Dringend! Nicht, dass er da im Rucksack ein Messer hat oder sonst was im Schilde führt.

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Ich schrieb ihm, dass ich auf die Toilette will, doch mein verdammter Rock könnte es nicht ermöglichen, dass ich über ihn steige. Und der Schizo war so darauf bedacht, das Rätsel zu lösen ob ich eine Strumpfhose oder Strümpfe trage. Die Frage überging ich kokett. Doch jetzt nutzte er die Gelegenheit. Durchquetschen konnte ich mich nicht und nach meinem verzweifelten Versuch das Rock auf vernünftiger Länge zu behalten und zu gleich diese Hürde a la 2 männliche Beine zu überwinden, war es nur eine Frage die Zeit bis er mich an sich zog. Da war die Länge meines Rocks egal und ich raste zu einem Stewardess. Habe ich so eine piepsige Stimme oder hat der nicht verstanden, dass ich mich in der Not befinde!!! Ich gestikulierte wild, drehte mit Zeigefinger um die Schläfe und zeigte auf Schizo, aber nichts half. Schließlich stand der Schizo neben mir umarmte mich und sagte so was wie: „meine taube Freundin hat Höhenangst!“ Die zwei wechselten ein paar lustige Bemerkung – so schien es mir, denn sie lächelten dabei. Währenddessen schnitt ich verzweifelte Grimassen, drehte wie verrückt mein Kopf hin und her und deutete mit der Hand um meinem Hals, dass es um Tod geht. Wieso – wieso war das ein russischer Stewardess! Sie sind in Sachen der Körpersprache sowas von Dumpfbacke im Gegensatz zu den Italiener. Der verstand gar nichts! Verwies mich aber an meinen Platz zurück – zwecks meiner Sicherheit. Sicherheit! Das muss betont werden!

Ich versuchte dann mit dem Typen zu reden! Hätte ich das vermieden sollen! Ihn zog an mir an, dass ich die ruhigste und leiseste Frau bin, die er je kennen gelernt hat. Meine Schrift gefiele ihm. Meine Stimme mache mich aber so hässlich, dass er mir am liebsten den Mund zudrücken wurde. Eine schöne Schrift??? Meint er das ernst? Jedenfalls verschaffte mir diese Situation ein ruhiges Stündchen. Der Typ war beleidigt – bis zu einer Durchsage des Piloten!

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Um was es ging habe ich nicht verstanden, müsste aber was wichtiges sein, denn der Schizo sprang auf und schrie alle im Flugzeug an. Als ich ihn fragte, was er da schrie, schrieb er mir: „Ich habe geschrieen, dass meine Freundin taub ist! Der Pilot sollte gefälligst selbst hierher kommen und dir seine Durchsage wiederholen!“ Ich saß da mit großen Augen und dachte mir: alle reden über Barrierefreiheit, aber der Mann steht auf und fordert es! Für mich! Mir gefiel es. Ich fragte dann, worum es in der Durchsage ging. „Der Pilot hat verkündet, dass wir pünktlich landen!“ Da wusste ich nicht mehr, ob ich diese Barrierefreiheit noch wollte.

Foto 4Aber die Nachricht über die Landung war erfreulich! Bald ist es vorbei mit der Qual. Doch der Schizo plante was mit mir. Er malte ein Bärchen – „dein Bärchen liebt dich!“ – und bat mich mit ihm weiter zu fahren. Zur Sicherheit schrieb er mir seine Mailadresse auf und schrieb dazu, dass wenn ich mich nicht melde, er mich finden wird…. ja, die Konsequenzen hat er mir auch angedroht. Könnt ihr euch denken – welche.

Als wir landen, wollen alle  ganz schnell raus. Doch der springt auf, schreit sie an und zwingt sie zu warten! Ich soll meine Sachen packen und zuerst rausgehen. So lange müssen die Anderen warten. Mit zittrigen Händen versuchte ich meine Habseligkeit zusammen zu packen, doch ständig fiel etwas raus. Wie feindselig ich von allen beäugelt wurde. Leute!!!!Ich bin das Opfer! Sechs Stunden eingepfercht zwischen einen Verrückten und der Wand. Irgendwie packte ich die Sachen zusammen, der fasste mich am Arm und schien mich mitnehmen zu wollen. Was war ich froh, dass meine Freundin in Sibirien meine Sms mit Alarm las und mich abfing und gleich wegschleppte.

Ich frage mich immer noch, wie es sein kann, dass ausgerechnet so ein Typ von Mann so selbstverständlich mit mir und meinem Handicap umging. Ich erlebte wirklich barrierefrei all diese Komplimente und Beleidigungen. Dieser Mann schien zu verstehen, was Barrieren verursacht und wie man diese bekämpft oder geschickt nutzt. Jedenfalls ist diese Geschichte es wert, dass ich es riskiere und die Geschichte veröffentliche. Wenn ich eines Tages hier nicht schreibe, hat er mich gefunden.

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