Wenn ich im Bahnhof Schöneberg auf meinen Sbahn warte, bittet mich jedes Mal ein im wahrsten Sinne des Wortes verkacktes Schild um Unterlassung der Fütterung von Tauben. Sonst kommen sie immer wieder und verwandeln das schöne saubere Bahnhof in die große Toilette. Die Tauben sind also überall wo es Futter gibt. Ist vielleicht komisch, diese Assoziation, aber ich denke da an meine Geschichte zurück.

Im Vorab: Sie sind immer einem Risiko ausgesetzt, wenn Sie im ICE einen Sitzplatz für Schwerbehinderte für sich beanspruchen wollen. Und zwar dem Risiko den Tauben zu begegnen. Es muss man nicht als Risiko einsehen. Gelegentlich ist es auch schön für lange Stunden einen Gesprächpartner zu finden, mit dem man gebärden kann. Für mich persönlich sind die Stunden im Zig die einzigen Momente, in denen ich mit mir alleine bin. Ich kann meinen komischen Gedanken freien Lauf lassen, ich kann in meinem Laptop sämtliche Fotos sortieren, ich kann an mir vorbeirasenden Bäume zählen bis mir schwindelig wird und ich kann mir den Lebenslauf der Schaffnerin zusammenspinnen. Kurzum, es ist eine für mich wertvolle Zeit. 

Aber nun, ein überfülltes ICE. Ich hatte Glück und ergattere mir einen Platz für Schwerbehinderte. Drei weitere Personen am Tisch scheinen ebenso sich über ihr Glück zu freuen. An der nächsten Haltestelle steigen zwei junge Männer ein. Direkt vor meinem Gesicht halten sie stolz ihren Schwerbehindi-Ausweis und zeigen mit ihren Händen „mach dich davon“. Soll ich da was in der Gebärdensprache antworten oder ebenso meinen VIP-Ausweis ebenso zucken? Aber dann ist es vorbei mit meiner Ruhe. Dann muss ich ganze Fahrt höfflich ihre W-Fragen beantworten und ebenso bescheuerte Kategorisierungsfragen zurückstellen. Also entschied ich mich spontan meine Arme zu verschränken, die Augenbrauen zu senken und ignorant mit dem Kopf ein deutliches „Nein“ zu schütteln.

Meine Sitznachbarn waren sozialer und verließen schleunigst ihre Sitzplätze. Und so hatte ich das Vergnügen gegenüber beiden jungen Männer zu sitzen. Es waren spannenden drei Stunden. Drei Stunden Verachtung und Hass. So erfuhr ich, dass mein Gesicht rund wie ein Pfannkuchen sei, meine Brille mich dumm mache und meine Falten mich fünfzig aussehen liessen. Ich wäre eine böse und dumme Kuh und in meinem Leben sei einiges sicher schief gelaufen. Es waren keine drei Stunden Ruhe. Statt mich mit mir selbst zu beschäftigen, musste ich zusehen, wie ich die beiden drei Stunden lang beschäftigte. Dabei bemühte ich mich stets um Scheis-Egal-Gesichtsausdruck und den Drang zwischen Flucht und Angriff.

Endlich meine Station. Ich stand auf und erfuhr auch noch etwas über meinen scheußlichen Klamottengeschmack.

Und jetzt kommt das Ende, das ich so liebe. Ich kam nicht umhin, als beide nett anzulächeln und beiden einen schönen Tag in der Gebärdensprache zu wünschen. Ihre erstaunliche Gesichter waren mir ein Lohn für drei furchtbare Stunden.

Seid also gewarnt, liebe Leser. Wer weißt, ob ihr Gegenüber gebärden kann. Und schaut nicht nur nach rechts und links, sondern auch nach oben. Ich war neulich auf dem Balkon und verfolgte unten ein spannendes Gespräch zwei Lästerdamen. Es ging zum Glück dieses Mal nicht um mich.

4 Kommentare

  1. Ela

    argh, wie dämlich sie sind. wow, 3 Stunden ohne einziges Gebärdenwort zu sagen, ist es auch ein Hammer. haha schön, dass deine Story amüsant ist. Ey, Du bist eine wunderschöne Frau mit deiner hübschen Brille.

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