IMG_3119Gestern war der 9. Mai. Ein Tag der das Ende des zweiten Weltkrieges nach 70 Jahre kennzeichnet. Unglaublich, es ist nicht lange her. Wir, die jetzt leben, können uns den Ausmaß dieses horrenden Krieges gar nicht vorstellen. Viele europäische Länder wurden zerstört. Noch heute kann man ihre Folgen sehen. Überall, wo normalerweise Jugendstillhäuser stehen sollten, stehen kastenförmige Betonbauten oder Parkplätze. Die Wirtschaft wurde zerstört. Millionen tote Menschen. Millionen Überlebende, die aber ihre wichtige Menschen verloren. Es ist ein wichtiges Datum für mich. Denn meine Großeltern, sie haben es hautnah erlebt. Wie sicherlich auch eure Großeltern, liebe Leser. Ich bin an diesem Tag zu meiner Oma gefahren um mit ihr und meinem Vater zusammen die Ehre am Grab meines Großvaters zu erweisen. Er und mein anderer Opa dienten beide im Krieg.

Bevor wir zum Grab gingen, erinnerte sich meine Oma wie sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Taschkent evakuiert wurde. Zu Beginn des Krieges starb ihr Vater am Front. Im Jahr 1944 kehrte sie nach Moskau zurück und am 9. Mai hörten sie von der Nachbarin die freudige Nachricht, dass der Krieg zu Ende sei. Viele fremde Menschen umarmten sich, küssten sich. Meine damals 9-jährige Oma lief mit ihren kleinen Bruder und ihrer kleinen Cousine zum roten Platz. Ihre Mutter – meine Uroma – arbeitete hart in der Granatenfabrik um die Miete für das kleine Kämmerchen zu bezahlen, wo sie zusammen mit Eltern der Cousine lebten. Die Menschen schoßen vor lauter Freude alle Sachen nach oben. Irgendein fettes Schuh fiel vom Himmel auf meine arme Oma und bescherte ihr höllische Schmerzen. Die kleine Geschwister weinten vom Schreck. Sie nahm ihre kleine Geschwister unter die Armen und eilte nach Hause. Dort wartete eine Überraschung auf sie. Der lange verschollene Sohn der Nachbarin kehrte an dem Tag zurück. Er war in der deutschen Gefangenschaft, während alle dachten, er wäre tot. Doch nach Stalins Befehl musste er nun in den russischen Lager, da laut Stalins Logik er ein Verräter war. „Lieber sich erschiessen lassen, als sich in Gefangenschaft begeben.“ Die arme Nachbarin hatte ihren Sohn erst nach Stalins Tod wieder.

Nun am Grab meines Großvaters stehen wir und ich führe ein stilles Gespräch mit ihm.  Warum gingen so viele Männer bereitwillig in den Krieg als Kanonenfutter. Was wäre, wenn in Deutschland und in Russland, die Menschen sich gegen das System stellen würden. Wie viel Menschen weg und tot ohne ihr Leben gelebt zu haben. Am Grab meines Opas wünschte ich uns, dass alle Kriege der Welt jetzt und sofort stoppen und ihr Ende nehmen. 9. Mai ist für mich ein trauriger Fest, aber zugleich ein freudiger. Da nahm das Schrecken endlich ihr Ende. 9. Mai ist für mich ein Tag, an dem ich meiner Familie gedenke, meinen Opas.

Der Vater meines Vaters ist im Jahr 1923 geboren. Die Statistik besagt, dass von Menschen, die um dieses Jahr geboren sind, nur 3 von 100 überlebt haben. Mein Opa gehörte dazu. Als das Krieg begann, beendete mein Großvater grad die Schule. Parallel grub er mit den Freiwilligen die Fällen für die Panzer. Direkt danach zog er mit seiner Familie in die Nähe der Uraler Berge, in die Stadt Perm. Da er ein guter Schüler war und im Fach Mathematik ausgezeichnete Noten hatte, verwies man ihn in die Offizierschule, in der er nach dem erfolgreichen Abschluss ein Jahr doziert hat. Ihn zog es aber immer an die Front. Als er erfuhr, dass sein Vater alles möglichst tat um seine Berufung an den die Front zu vermeiden, schrieb er einen Rapport mit der Bitte ihn an die Front zu schicken. Trotz der Tränen seiner Mutter und Bestürzen seines Vaters, ging er zur Front. Er wolle seine Kameraden und sein Land nicht im Stich lassen. Opa wurde zu dem jungen Offizier, wo er die Truppe mit Katjuscha (Stalinorgel) befohlen hat. Seine Truppe hatte einen langen Weg hinter sich: An einem russischen Ort in der Nähe von Finnland, in Polen, in Ostdeutschland. Seine Truppe nahm Berlin ein. (Ich war übrigens im Reichstag um seine Unterschrift zu finden. Es wurde eine Wand von damals so belassen mit vielen Unterschriften der Soldaten. Leider wurde die Wand mit seiner Unterschrift bei der Sanierung verloren gegangen.) Nach dem Ende des Krieges war er ein Jahr lang in Potsdam stationiert. Mein Großvater wurde für seine besondere Mut mit dem roten Stern, Ordens und Medaillen ausgezeichnet. Opa hat mir wenig über den Krieg erzählt. Was konnte er schon mir – dem kleinen Mädchen – über Angst, Schmerzen, Blut, verlorene Kameraden – erzählen. Er mochte nicht darüber reden. Das alles erfuhr ich heute von Oma und meinem Vater beim Bortsch, den Opa so liebte und kleinen Gläschen „Moskovskaya“. Niemals hätte mein Opa gedacht, dass er irgendwann mit seiner Familie nach Deutschland auswandern wird. Aber als das UdSSR zerbrach, hat sich die Welt stark verändert. Da ändern sich die Dinge, da tut man die Dinge, die man niemals hätte zu machen gedenken. Ich habe meinen Großvater in Erinnerung als einen interessanten und besonderen Menschen. Als ich ihn das letzte Mal sah, sagte er zu mir: „Hab keine Angst“.

Mein anderer Opa verließ die Welt früher, da war  ich 7 Jahre alt. Ich weiß leider wenig über ihn. Ich erinnere mich aber noch gut über sein Lächeln. Über gemeinsame Spaziergänge an breiten Moskauer Straßen. Über den Geruch von Plow, den er immer kochte. Ich weiß nur die eine Episode, die das Leben meines Opas prägte. Opa wurde in den Krieg als einfacher Soldat berufen. Er fuhr den Panzerwerfer 42, den sogenannten Maultier, auf dem er die Raketen abgefeuert hat.  Irgendwann wurde er verwundert und bewusstlos. Es gab viele Verletzte. Die Truppe der Gegner näherte sich und brachte ihr Werk zu Ende, in dem sie die liegenden Schwerverletzte erschossen hatten. Ein Mann kam zu meinem verwundeten Großvater und wollte ihn erschießen, aber die Waffe hatte Ladehemmung. Der Mann wollte nicht gehen und tat alles Mögliche um die Waffe auf den Vordermann zu bringen. Mein Opa lag und wartete, wartete und wartete auf sein Ende. Da kamen plötzlich russische Soldaten und begannen die Contra-Attacke. Die Feinde flohen. So wurde mein Opa gerettet. Diese Episode begleitete ihn ein Leben lang. Opa kam ohne Kriegsorden zurück. Aber lebendig. Und das ist das Wichtigste. Er lebte!

Ich hörte viele traurige Geschichten am Tisch. Wir tranken auf das Wohl der Menschen, die leben. Wir ehrten die Toten. 9. Mai ist ein wichtiger Tag. Ein Tag des Gedenkens.

Olja

Ein Kommentar

  1. Что может передаст отец сыну? Уходящее поколение – следующему? Память. Оля, помни о прошлом своей семьи. Забудешь, значит тебя нет.

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